Spezial · Stiller Reflux
Stiller Reflux (LPR): Symptome, Diagnose und was wirklich hilft
Heiserkeit, Räusperzwang, Kloßgefühl — aber kein Sodbrennen? Stiller Reflux (LPR) wird oft jahrelang übersehen. Symptome, RSI-Test, Therapie und Alginat-Tipp.
Du räusperst dich ständig. Du hast einen Kloß im Hals, der nicht weg will. Morgens bist du heiser, nachts hustest du. Aber: kein Sodbrennen. Mehrere Ärzte haben dich an Erkältungen, Allergien, Stress oder Asthma denken lassen — und nichts davon stimmt richtig. Es könnte stiller Reflux sein. Eine der am häufigsten übersehenen Diagnosen überhaupt.
Was ist stiller Reflux?
Medizinisch heißt er laryngopharyngealer Reflux oder kurz LPR. Anders als beim klassischen Reflux schießt der Mageninhalt hier nicht nur in die untere Speiseröhre, sondern höher: in den Kehlkopf, den Rachen, manchmal bis in die Nase. Genau da liegt das Problem — und der Grund für den Namen.
Die Schleimhaut deiner Speiseröhre ist etwa 100-mal robuster gegen Säure als die deines Kehlkopfes. Während die Speiseröhre eine Reihe von Schutzmechanismen hat — vom Speichel über das Bicarbonat bis zur regelmäßigen Selbstreinigung durch Schluckakte — hat der Kehlkopf praktisch keinen Schutz. Schon wenige Reflux-Episoden pro Woche reichen aus, um Schäden zu verursachen, die Sodbrennen aber nie zu auslösen.
"Beim klassischen Reflux merkst du den Reflux. Beim stillen Reflux merkst du nur die Folgen."
Wie unterscheidet sich stiller Reflux vom "normalen" Reflux?
| Merkmal | Klassischer Reflux (GERD) | Stiller Reflux (LPR) |
|---|---|---|
| Hauptsymptom | Sodbrennen, saures Aufstoßen | Heiserkeit, Räuspern, Kloß |
| Wann? | Vor allem nachts, im Liegen | Vor allem tagsüber, aufrecht |
| Sodbrennen? | Ja (Leitsymptom) | Nur in 35 % der Fälle |
| Ort der Schädigung | Speiseröhre | Kehlkopf, Rachen, Stimmbänder |
| Wer findet's? | Hausarzt, Gastroenterologe | HNO-Arzt |
Die typischen Symptome
Wenn mehrere der folgenden Punkte auf dich zutreffen — vor allem in Kombination —, ist stiller Reflux eine echte Möglichkeit:
1. Heiserkeit, vor allem morgens
Über 70 % der LPR-Patienten haben Heiserkeit. Sie schwankt: Morgens am stärksten, weil nachts mehr Säure hochkommt; im Tagesverlauf besser. Wer schon morgens beim ersten Kaffee klingt wie nach einem durchzechten Abend, sollte hellhörig werden.
2. Ständiger Räusperzwang
Du räusperst dich gefühlt alle paar Minuten — manchmal ohne es zu merken. Die Säure reizt die Stimmbänder, der Körper versucht, sich zu schützen.
3. Globusgefühl
Der "Kloß im Hals". Ein Druck- oder Fremdkörpergefühl, das beim Schlucken kaum besser wird. Wird oft erst psychosomatisch eingeordnet — fälschlich.
4. Chronischer Reizhusten
Trockener Husten ohne Erkältung, der seit Wochen oder Monaten da ist. Vor allem in horizontalen Positionen oder nach dem Essen. Reflux ist eine der drei häufigsten Ursachen für chronischen Husten überhaupt — neben Asthma und postnasalem Drip.
5. Schleim im Hals
Das Gefühl, ständig dicken Schleim "hochziehen" zu müssen. Klassisch wird das einer Erkältung oder Allergie zugeschrieben — bei stiller Reflux ist es eine Schutzreaktion gegen die Säure.
6. Halsschmerzen ohne Infekt
Brennen, Kratzen, leichtes Wundsein. Vor allem morgens. Ein Streptokokken-Test ist negativ, Antibiotika helfen nicht.
7. Nächtlicher Husten oder Erstickungsgefühle
Aufwachen mit Husten, dem Gefühl, dass "etwas in der Luftröhre" ist, oder mit Atemnot. Klassisch verkannt als "nächtliches Asthma".
Warum LPR so oft übersehen wird
Das Hauptproblem: Die Symptome sehen aus wie 20 andere Dinge.
- HNO denkt an Allergie oder Erkältung — und wenn die Therapie nicht hilft, an "psychosomatisch".
- Hausarzt denkt an Asthma — verschreibt Cortison-Spray, der minimale oder keinen Effekt hat.
- Gastroenterologe sieht keinen klassischen Reflux, weil die Magenspiegelung oft unauffällig ist (LPR-Reflux ist häufig schwach sauer und kürzer — er hinterlässt keine Spuren in der Speiseröhre).
- Psychotherapie wird empfohlen, weil "der Kloß sicher Stress ist".
Bis die richtige Diagnose kommt, vergehen oft Jahre.
Wie wird stiller Reflux diagnostiziert?
Der RSI-Fragebogen
Der Reflux Symptom Index (Belafsky 2002) ist ein einfacher Selbsttest mit 9 Fragen, jede mit 0–5 Punkten bewertet. Ein Wert über 13 spricht stark für LPR. Du beantwortest Fragen wie: "Wie sehr hast du in der letzten Woche gelitten unter… Heiserkeit / Räusperzwang / einem Kloß im Hals / Schleim im Hals / Sodbrennen?"
Der HNO-Befund
Mit einer Lupenlaryngoskopie schaut der HNO-Arzt auf den Kehlkopf. Typische Zeichen: Rötung im hinteren Larynx (posteriore Laryngitis), Schwellung der Aryknorpel, ein sogenannter Pseudosulcus an den Stimmbändern. Ein Score-System (Reflux Finding Score, RFS) hilft bei der Einschätzung — über 7 Punkte gelten als pathologisch.
Pepsin-Test (Peptest)
Eine Speichelprobe wird auf das Magenenzym Pepsin getestet. Wenn Pepsin im Speichel ist, war Mageninhalt definitiv höher als die Speiseröhre. Sensitivität rund 78 %, nicht überall verfügbar, umstritten — kann aber bei unklarem Befund den Ausschlag geben.
24-Stunden-pH-Impedanz
Goldstandard, aber aufwendig. Eine Doppelsonde misst pH-Werte und Refluxepisoden im Bereich des oberen Ösophagussphinkters. Wird bei therapieresistenten Fällen oder vor einer geplanten Operation gemacht.
Was hilft? Die Therapie
Lifestyle ist hier wichtiger als bei klassischem Reflux
Anders als beim klassischen Reflux wirken Medikamente bei LPR oft nur mäßig. Lifestyle macht hier oft den entscheidenden Unterschied:
- Letzte Mahlzeit ≥ 3 Stunden vor dem Schlafen
- Oberkörper im Schlaf hochlagern (mind. 15–20 cm)
- Säurearme Ernährung (pH > 5): kein Citrus, keine Tomate, kein Essig, kein Wein, keine Cola, keine Kaffee-Spitzen auf nüchternen Magen
- Stimmhygiene: Räuspern reduzieren, viel trinken, nicht flüstern (das stresst die Stimmbänder)
- Stress runter: Stress erhöht Säureproduktion und LES-Entspannung. Atemübungen, regelmäßige Bewegung, Schlaf.
Alginate (Gaviscon Advance)
Das beste medikamentöse Mittel bei LPR — laut RCT von McGlashan 2009 mit signifikanter Symptomreduktion. Anwendung: nach jeder der drei Hauptmahlzeiten und vor dem Schlafengehen, also 4-mal täglich für 8–12 Wochen. Wirkt rein mechanisch — bildet eine schwimmende Barriere im Magen, die Reflux verhindert.
PPI (Protonenpumpenhemmer) — umstritten
Hier wird's interessant: Mehrere große Studien (u.a. eine JAMA-Studie 2016 und Cochrane-Review 2006) zeigen keinen klaren Vorteil von PPI gegenüber Placebo bei isoliertem LPR. Trotzdem empfehlen die meisten HNO-Leitlinien (z.B. AAO-HNS) einen 8–12-wöchigen Versuch — zweimal täglich, jeweils 30 Minuten vor dem Essen. Wenn nach 12 Wochen keine Besserung: absetzen und Diagnose überdenken.
Was sehr oft fehlt: Re-Evaluation
Wenn nach 12 Wochen Stufentherapie nichts besser wird, ist die Diagnose wahrscheinlich nicht (nur) LPR. Häufige Doppelgänger: vocal cord dysfunction, allergische Rhinitis mit Postnasal Drip, muskuläre Verspannung des Larynx, funktioneller Globus. Ein guter HNO-Arzt schaut hier genau hin.
Wie häufig ist stiller Reflux wirklich?
Schätzungen schwanken stark — was selbst eine Aussage über das Krankheitsbild ist. Etwa 10 % aller HNO-Patienten haben Symptome, die zu LPR passen, und bei Patienten mit Stimmstörungen sind es bis zu 30 %. Gleichzeitig wird LPR als überdiagnostiziert kritisiert: Nicht jede Heiserkeit + Räusperzwang ist Reflux. Eine sorgfältige, mehrstufige Diagnostik bleibt wichtig.
Was du jetzt tun kannst
- Mache den Selbsttest, dann kannst du die Symptome strukturiert mit zum Arzt nehmen.
- Ein Symptomtagebuch über 2 Wochen führen — wann tritt was auf, was hast du gegessen, wie hast du geschlafen?
- Ein HNO-Termin mit der Bitte um Lupenlaryngoskopie und ggf. RSI-Bewertung.
- Parallel: Lifestyle-Maßnahmen konsequent 6–8 Wochen umsetzen — viele bekommen so schon ein klares Bild.
Mehr zur Säuglings-/Erwachsenen-Diagnostik findest du in unserem Diagnose-Überblick. Praktische Lebensmittel-Empfehlungen liefert der Lebensmittel-Check.
Disclaimer
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Beschwerden konsultiere bitte einen Arzt.